Mut zur Veränderung ist eine Tugend des Fleischerhandwerks

Frankfurt am Main, 22. Dezember 2016. Seit dem Fleischer-Verbandstag in Saarbrücken im Oktober ist Herbert Dohrmann, Landesinnungsmeister in Niedersachsen-Bremen, Präsident des Deutschen Fleischer-Verbandes. Im Interview blickt er zurück auf die ersten Monate seinter Amtszeit und gibt einen Ausblick auf die Verbandsarbeit des nächsten Jahres.

  • DFV-Präsident Herbert Dohrmann

    Herr Dohrmann, in Saarbrücken wurden Sie zum Präsidenten des Deutschen Fleischer-Verbands gewählt. Vorher waren Sie Obermeister und Landesinnungsmeister. Wie würden Sie die ersten Monate in diesem neuen Amt beschreiben?
    Als eine sehr spannende Zeit. Spannend, abwechslungsreich und herausfordernd. Und eine weitgehend neue Erfahrung. Ich konnte mich in viele neue Bereiche einarbeiten und eine Menge interessanter Kontakte knüpfen. Zudem habe ich zum ersten Mal intensiver mit der Geschäftsstelle in Frankfurt zusammengearbeitet. Mir war von Beginn an klar, dass meine Präsidiumskollegen und ich uns eine gut gefüllte Agenda vorgenommen haben. Auf der ersten Präsidiumssitzung nach den Wahlen haben wir die Aufgabenbereiche zum Teil neu geordnet und uns direkt ans Werk gemacht. Langsam strukturiert sich die Arbeit, die vor uns liegt. Es wird nicht langweilig, wir haben viel zu tun.

    Neben Ihren Ehrenämtern sind Sie noch in Ihrem Unternehmen aktiv. Wie bewältigen Sie dieses Zusatzpensum?
    Diese Frage wird mir oft gestellt. Es ist ja fast schon so, dass man sich heute für ein Ehrenamt entschuldigen muss. Aber ich stamme aus einer Familie, in der ehrenamtliches Engagement immer selbstverständlich war. Mein Vater war fast 25 Jahre Obermeister der Innung und im Landesinnungsverband aktiv, insofern habe ich dies seit meiner Jugend miterlebt. Wo immer er konnte, hat er sich für das Fleischerhandwerk eingesetzt. Das Amt selbst war ihm nicht wichtig, entscheidend war, dass wir und unsere Interessen gehört wurden. So sehe ich das auch. Um die Frage zu beantworten: Natürlich geht das auch bei mir nur, weil mich meine Familie und meine Mitarbeiter fantastisch unterstützen. Ohne deren Verständnis könnte ich das nicht leisten. Und ich kann neben meiner Landesgeschäftsstelle jetzt auch auf die DFV-Geschäftsstelle in Frankfurt zurückgreifen. Das erleichtert mir die Sache schon sehr.

    Die Aufgaben eines Präsidenten sind vielfältig. Welchem Thema werden Sie sich jetzt vordringlich widmen?
    Wir haben eine Menge auf der Tagesordnung stehen und viele offene Baustellen. Eine der ganz großen Zukunftsaufgaben ist die Sicherung von Fachkräften für unsere Branche. Da wurde in der Vergangenheit schon vieles auf den Weg gebracht, aber das Thema wird weiter einen ganz hohen Stellenwert haben. Daneben ist besonders wichtig, die Reform unserer Organisation endlich in Angriff zu nehmen. Wir sind hier nach meiner Einschätzung an einem Punkt angelangt, an dem wir uns unbedingt ernsthaft fragen müssen, wie es weitergehen soll. Wir können sicher noch ein paar Jahre so weitermachen, während um uns herum die Reihen in der Organisation immer lichter werden. Aber das kann es doch nicht sein. Wir müssen jetzt aktiv werden und handeln, solange wir noch Handlungsspielraum haben. Ich kann mich noch gut erinnern, vor etwa zehn Jahren hatten wir das Thema Organisationsreform schon einmal auf der Tagesordnung. Um deutlich zu machen, wie notwendig es ist, Reformen durchzuführen, hat der DFV damals die Mitgliederentwicklung für 2015 prognostiziert. Diese Vorhersage ist exakt eingetroffen. Ich denke, auch vor zehn Jahren waren sich die Verantwortlichen schon der Bedeutung des Themas bewusst. Aber vielleicht hat noch die Bereitschaft für wirkliche Veränderung gefehlt. Wenn wir die Prognose heute weitere zehn Jahre fortschreiben, dann wird es nicht erfreulicher. Daher lautet meine feste Überzeugung: Wir müssen jetzt handeln, solange wir noch handeln können. Die jetzigen Ehrenamtsträger haben meiner Meinung  nach nur noch wenige Chancen die Verbandsarbeit in den einzelnen Ebenen so aufzustellen, dass auch in der Zukunft erfolgreich und vor allen Dingen für die Mitgliedsbetriebe leistbar für unser Handwerk gearbeitet werden kann. Das sollten wir uns in den nächsten Monaten ganz bewusst vor Augen führen.

    Wie kann das aussehen?
    Das kann und will ich gar nicht alleine festlegen. Alleingänge funktionieren hier nicht. Vor allem, wenn es um wirklich wirksame Veränderungen geht, müssen Beschlüsse von möglichst vielen mitgetragen werden. Das geht nur mit Beteiligung aller Betroffenen. Egal, was wir planen und beschließen, die Folgen werden in der ganzen Organisation zu spüren sein. Mir ist klar, dass dies an der einen oder anderen Stelle wehtun wird. Aber wir müssen hier wirklich versuchen, aus der Vernunft heraus das Ganze zu sehen. Meine Präsidiumskollegen und ich werden im Februar im Gesamtvorstand und im Rahmen der Obermeistertagung erste konkrete Vorschläge machen, welche Schritte wir als nächstes gehen wollen. Dann kann sich jeder einbringen und beitragen, was vorstellbar und machbar ist. Ich wünsche mir sehr, dass wir dann hören, was geht, und nicht, was alles unmöglich ist.
     
    Wann werden wir erfahren, wie die Zukunft der Organisationen des Fleischerhandwerks konkret aussehen soll?
    Ich will darauf drängen, dass wir in der Beratung zügig vorankommen. Zeit haben wir schon genug verloren. Mein Ziel ist es, im Oktober, beim nächsten Verbandstag in Potsdam, erste konkrete Maßnahmen zur Abstimmung vorzulegen.

    Wie werden Sie das Ehren- und Hauptamt in die Arbeit einbinden?
    Es ist grundsätzlich wichtig, dass Ehren- und Hauptamt vernünftig zusammenarbeiten. Das setzt einen intensiven Austausch voraus, eine offene Kommunikation. Hauptamtliche verfügen in der Regel in ihren Bereichen über großes Fachwissen und Erfahrung, von denen ich als Ehrenamtsträger nur profitieren kann. Es lohnt sich also, zuzuhören und sich beraten zu lassen. Die Aufgabe des Ehrenamtes ist es dann, die Richtung vorzugeben und die wichtigen Themen nach vorne zu treiben, auch gegenüber der Politik oder anderen Interessengruppen. Wie gesagt, ich werde die Gremiensitzungen und Veranstaltungen des DFV dazu nutzen, mit meinen Kollegen aus dem Ehrenamt in den offenen Dialog zu treten. So habe ich das als Landesinnungsmeister schon getan und dieses Vorgehen hat sich bewährt.

    2017 steht uns also ein spannendes Jahr bevor?
    Wir haben uns tatsächlich viel vorgenommen. So gesehen wird 2017 mindestens so spannend wie die letzten Jahre. In den ersten Wochen meiner Präsidentschaft ist mir mehr noch als zuvor deutlich geworden, wie wichtig ein funktionierender Verband für unser Handwerk ist. Das alles ist doch kein Selbstzweck, sondern notwendig dafür, dass wir in Politik, Verwaltung und Gesellschaft überhaupt wahrgenommen werden. Ich möchte nicht, dass in Zukunft Gesetze gemacht werden, ohne dass ein leistungsfähiger Fleischerverband unsere Belange vorgetragen hat; und zwar mit starker Stimme. Das Fleischerhandwerk hat in seiner reichen Tradition immer wieder eine Stärke bewiesen, auf die es auch heute noch ankommt: Den Mut zur Veränderung. Unsere Vorfahren waren über Jahrhunderte nicht deshalb so erfolgreich, weil sie immer so weitergemacht haben wie bisher. Das gilt für den betrieblichen Bereich genauso wie für unsere Innungs- und Verbandsarbeit. Dazu müssen wir dort, wo es notwendig ist, weiter bereit sein, 2017 und darüber hinaus. In diesem Sinne wünsche ich allen unseren Mitgliedern, ihren Familien, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie allen, die ihnen am Herzen liegen, ein gesegnetes Weihnachtsfest. Ich wünsche uns allen ein gutes und glückliches Neues Jahr, Gesundheit, Zufriedenheit und Erfolg.

    Das Interview ist in der afz allgemeine fleischer-zeitung erschienen.

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