Leistungsfähigkeit der Organisation muss erhalten bleiben

Frankfurt am Main, 01. März 2017. Auf dem Fleischer-Verbandstag in Saarbrücken wurde Eckhart Neun, Landesinnungsmeister in Hessen, erneut in das Präsidium des Deutschen Fleischer-Verbandes gewählt. Auf der DFV-Obermeistertagung hat er erste Vorschläge zur Beitragsreform vorgestellt. Im Interview berichtet er über seine neue Arbeit im Ressort Finanzen und Organisation.

  • Herr Neun, auf der DFV-Obermeistertagung in Hannover und Würzburg haben Sie erstmals die Arbeit Ihres neuen Ressorts Finanzen und Organisation vorgestellt, nachdem Sie fünf Jahre lang für das Lebensmittelrecht zuständig waren. Wie groß war die Umstellung?
    Das neue Ressort ist mindestens genauso spannend wie das alte, wenn nicht so sogar ein bisschen spannender. Eine gewisse Umstellung war aber dennoch vonnöten. Ich war in meinem alten Ressort mit viel Herzblut dabei, bin aber gleichzeitig froh, dass wir mit meinem Kollegen Konrad Ammon einen absoluten Experten und Kenner der Materie an dieser Stelle haben. Der Ressortwechsel ist mir dahingehend leicht gefallen, als wir gerade bei den Finanzen und im Beitragswesen großen Reformbedarf haben und ich fest davon ausgehe, dass uns diese Themen in den kommenden Jahren sehr stark beschäftigen werden.

    Was werden aus Ihrer Sicht die großen Themen Ihrer kommenden Amtszeit sein?
    Das haben wir auf der Obermeistertagung ja bereits angerissen. Mein vorrangiges Ziel ist eine Reform des Beitragswesens ab 2018. Die Sonderumlage des sogenannten „Drei-Säulen-Modells“ soll eingestellt werden, denn derzeit macht eine Fortführung wenig Sinn. Im Prinzip war das „Drei-Säulen-Modell“ eine gute Idee. Die zusätzliche Umlage hatte das Ziel, einen finanziellen Grundstock zu schaffen, dessen Erträge die Beiträge mittelfristig entlasten. Aber niemand konnte 2011 ahnen, dass man fünf Jahre später keine Zinsen mehr fürs Geld bekommt. So wichtig eine nachhaltige Finanzierung ist, eine Maßnahme, die aktuell nichts bringt, sollte man aussetzen. Ein weiterer Bestandteil der Beitragsreform ist die Überführung des Werbebeitrages in den regulären Mitgliedsbeitrag. Bisher erheben wir diesen Beitrag gesondert über unsere Wirtschaftsförderungsgesellschaft, oft ohne dass die Mitglieder das bemerken. Die Zusammenführung macht für uns manches leichter: Es gibt weniger Verwaltungsaufwand und mehr Planungssicherheit. Werbemaßnahmen könnten dann nachhaltiger und auch über mehrere Jahre hinweg geplant und budgetiert werden. Zudem wäre dadurch dem schleichenden Wirkungsverlust unserer Werbegelder zumindest teilweise entgegengewirkt.

    Was meinen Sie damit?
    Nach dem jetzigen Modell haben wir von Jahr zu Jahr immer weniger Geld für Maßnahmen im Rahmen der Gemeinschaftswerbung. Ursprünglich lag der Werbebeitrag einmal bei 130 Deutschen Mark. Er wurde dann auf 80 Mark reduziert und bei der Einführung des Euro auf 41 Euro je Mitgliedsbetrieb festgelegt. Das bedeutet, dass sich eben nicht nur die sinkenden Mitgliedszahlen negativ auf das Budget der Gemeinschaftswerbung auswirken, sondern auch – seit Jahrzehnten – die Inflation. Diese Effekte haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass wir, obwohl es meiner Ansicht nach dringend nötig wäre, immer weniger Öffentlichkeitsarbeit für das Fleischerhandwerk betreiben können. Maßnahmen wie Fernsehwerbung, die wir vor zehn Jahren noch erfolgreich betrieben haben, sind heute nicht mehr möglich. Durch die Verknüpfung des Werbebeitrags mit dem Verbandsbeitrag werden wir die Werbegelder künftig auch anpassen können, wenn die Mitgliederzahlen sinken oder die Preise steigen. Damit halten wir die bereitstehenden Mittel wenigstens ab jetzt konstant. Ich habe mich daher sehr gefreut, dass die Obermeisterkollegen sowohl in Hannover als auch in Würzburg diesen Weg unterstützt haben. Einige haben sich sogar dafür ausgesprochen, den Werbebeitrag deutlich aufzustocken, damit wir der Werbeoffensive unserer Mitbewerber etwas entgegensetzen können. Für mich ist das ein sehr positives Signal.

    Sie erwähnten die sinkenden Mitgliederzahlen. Wie wollen Sie in Zukunft dem Mitgliederschwund begegnen?
    Das ist mit Sicherheit die größte Herausforderung, vor der unsere Organisation im Moment steht und alle, die uns im letzten Herbst in Saarbrücken sowie jetzt in Hannover und Würzburg gehört haben, wissen, wie ernst sich die Lage darstellt. Die Zahlen standen ja auch letzte Woche in dieser Zeitung. Daher wissen Sie, dass es mit Maßnahmen zur Steigerung des Organisationsgrades nicht getan ist. Wir müssen unsere gesamte Berufsorganisation verschlanken, sie endlich fit und flexibel machen, um ihre Funktionsfähigkeit zu erhalten. Wir haben ein starkes und zukunftsfestes Handwerk. Aber die Zahl der Unternehmen nimmt ab, während die verbliebenen nach wie vor eine gute Position am Markt haben. Wir müssen sicherstellen, dass diese Unternehmen auch in zehn oder 20 Jahren noch eine gute politische Vertretung haben. Wie nötig das ist haben wir doch in den letzten Jahren und Jahrzehnten erlebt. Wir müssen die Mittel, die uns die Betriebe zur Verfügung stellen bestmöglich einsetzen, um das zu garantieren. Wir haben in dieser Frage eine konzentrierte Diskussion begonnen, die zu einem guten Ergebnis führen muss. Viel Zeit sollten wir dabei nicht verlieren.

    Welche Ideen und Vorschläge gibt es?
    Wir sind am Anfang der Debatte. Jeder ist eingeladen, nicht nur zu sagen, was alles nicht geht, sondern konstruktive Vorschläge zu machen, wie wir unser Ziel erreichen können. Aber selbstverständlich ist vor allem auch das Präsidium gefragt, gangbare Lösungen aufzuzeigen. Ein möglicher Weg könnte sein, die Betriebe und Innungen, die sich in den letzten Jahren aus der Organisation gelöst haben, über eine Direktmitgliedschaft wieder aufzufangen. Diese wird an bestimmte Auflagen gebunden und auch nicht kostengünstiger als eine reguläre Mitgliedschaft sein, aber sie wird sicher zumindest teilweise verhindern, dass diese Kollegen für uns „verloren“ gehen.

    Dieser Vorschlag wird bestimmt nicht allen gefallen.  
    Was eine Reform so schwierig macht, ist, dass wir seit langer Zeit eine Organisation haben, die sich großartig bewährt hat. Wir sind auf allen Ebenen im Prinzip gut aufgestellt. Es wäre sehr wünschenswert, das alles zu erhalten. Deshalb verstehe ich gut, dass sich viele mit Veränderungen so schwer tun. Aber wir dürfen doch nicht die Augen davor verschließen, dass es schon heute für viele Innungen und Kreishandwerkerschaften kaum noch möglich ist, ihre Aufgaben zu erfüllen. Und es gehört zur Wahrheit dazu, dass das auch bei einigen Landesinnungsverbänden schon der Fall ist. Unter dem Strich wird auch der DFV irgendwann Leistungen einschränken müssen, wenn es nicht gelingt, die Mittel dafür bereitzustellen. Das kann doch keiner wollen, dass wir auf unseren wirksamen Einfluss in Berlin und Brüssel verzichten. Es gibt nur zwei Alternativen, wenn wir die Leistungskraft der Organisation erhalten wollen: Entweder die Beiträge steigen für die verbleibenden Betriebe immer weiter an oder es gelingt uns, effizientere Strukturen zu schaffen. Das muss auch den größten Skeptikern klar sein: Wir wollen nichts zerschlagen, sondern wir wollen eine Entwicklung steuern, die sich ohnehin und auch ohne unser Zutun vollzieht. Wir müssen handeln, so lange wir noch handlungsfähig sind. Dafür stehen Präsident Dohrmann und ich, und wir wissen das ganze Präsidium und viele Landesinnungsmeister und Obermeister an unserer Seite.

    Was werden Sie also bis zum nächsten Verbandstag tun?
    Ein wichtiges Gremium für meine Arbeit ist der Fachbeirat Finanzen und Organisation, denn hier sitzen die Kollegen aus den Landesinnungsverbänden. Wir werden gemeinsam erarbeiten, wie eine Berufsorganisation der Zukunft aussehen könnte, zum Beispiel, wie Dienstleistungen der LIVs gebündelt oder ausgeweitet werden können. Ich will den Kollegen nicht vorgreifen, aber ich könnte mir vorstellen, dass wir verschiedene Modelle auf den Prüfstand stellen werden. Es läuft darauf hinaus, dass wir enger zusammenrücken müssen. Wir haben in Hessen seit Jahren gute Erfahrung bei der Zusammenarbeit mit dem DFV, der LIV Schleswig-Holstein wird jetzt von den Hamburger Kollegen betreut und hat sich auch sonst umfassend reorganisiert. Die große Herausforderung ist, dass wir Antworten auf die Fragen finden müssen, die mit einer Reorganisation verbunden sind: Wie stellen wir bei größeren Einheiten eine gute Betreuung vor Ort sicher? Wie können wir Dienstleistungen der Organisation flächendeckend anbieten? Wie können wir als DFV Organisationen vor Ort wirksam unterstützen? Antworten zu finden, wird nicht leicht, aber wir müssen hier ran.

    Sie sind seit langem im Ehrenamt aktiv, als Obermeister und Landesinnungsmeister und beim DFV. Was würden Sie heute jemandem raten, der sich für ein Ehrenamt interessiert?
    Es zu ergreifen und sich einzubringen. Gerade jetzt brauchen wir Leute, die unser Handwerk und die Organisation mutig voranbringen. Für mich war und ist ehrenamtliches Engagement eine Bürgerpflicht, insbesondere wenn der eigene Berufsstand vor großen Herausforderungen steht. Diese Einstellung teile ich mit meinen Kollegen und meiner Kollegin im Präsidium des Deutschen Fleischer-Verbandes. Wir alle sind angetreten, um etwas zu bewegen, vor jedem liegen die anspruchsvollen Aufgaben seines Ressorts. Ein großer Ansporn bei jedem Ehrenamt war für mich stets das Lob und die Kritik der Kollegen, in deren Dienst wir letztendlich stehen. Von ihnen kommt der Auftrag, den ich zu erfüllen trachte.
     
    Das Interview ist in der afz allgemeine fleischer-zeitung erschienen.

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